Der Trend geht zum Zweitschirm – Second Screen und Social TV

1Donnerstagabend und das Smartphone macht piepsend auf die Facebook-Nachricht einer Freundin aufmerksam: „Guckst du gerade GNTM? Hast du die neue Frisur gesehen?“ Natürlich – und wir verfolgen nun beide „Germany‘s Next Topmodel“ auf voneinander weit entfernten Sofas, kommentieren und bewerten aber gemeinsam. Dabei sind wir vermutlich nicht die einzigen Zuschauer, die auf diese Weise den Fernsehabend verbringen.Dieser Trend lässt sich unter dem Begriff „Social TV“ zusammenfassen und bezeichnet die Verbindung von Fernsehkonsum und sozialem Austausch. 2 Die Zuschauer interagieren miteinander und diskutieren die Inhalte der Sendungen, Shows und Filme im TV. 3 Begünstigt – oder regelrecht ins Rollen gebracht – wird diese Entwicklung durch die parallele Mediennutzung.

Der Second Screen

Laut der Studie „Navigator Mediennutzung“ der SevenOne Media ist der Fernsehkonsum in den vergangenen Jahren leicht gestiegen – 2012 sahen die 14- bis 49-jährigen im Durchschnitt täglich 205 Minuten fern. Durchschnittlich 107 Minuten wurden pro Tag im Internet verbracht. Das Internet ist dabei das am meisten parallel zum TV genutzte Medium. 32 % der 14- bis 49-jährigen gaben an, häufig im Internet zu surfen, während Bilder über den Fernseher flimmern. In der Gruppe der 20- bis 29-jährigen ist es sogar jeder Zweite. 4 Gesurft wird über den Second Screen, den zweiten Bildschirm in der Hand oder auf dem Schoß. Rund 52 % nutzen dazu einen Laptop, 37 % tippen auf den Screen ihres Smartphones und 12 % halten ein Tablet in den Händen. Etwa 30 % verwenden einen stationären Rechner. Die Nutzer surfen hauptsächlich (49 %), rufen Mails ab (48 %) oder bewegen sich in sozialen Netzwerken (36 %). Etwa 10 % reagieren auf das laufende Programm. 5

Ohne Frage führt die Nutzung eines Second Screens zu geringerer Aufmerksamkeit gegenüber dem laufenden Fernsehprogramm. Allerdings kann der zusätzliche Bildschirm auch genutzt werden, um den Zuschauer enger zu binden, indem er online parallel kommentiert, Informationen zur Sendung erhält oder bereitgestellte Inhalte nutzt. Die Sender reagieren auf diese Veränderungen in der Mediennutzung: Sie sind in den sozialen Netzwerken vertreten und blenden in Sendungen Hashtags und Hinweise zu Mediatheken und Websites ein. 6 Um sich über das TV-Programm auszutauschen, nutzen die Zuschauer vor allem Twitter – mit steigender Tendenz. 7 Laut dem Social-TV-Analytics-Unternehmen Bluefin Labs – mittlerweile von Twitter gekauft 8 – lag die Zahl der Kommentare zum TV-Programm im Juli 2011 bei 8,8 Millionen. Ein Jahr später ist die Zahl bereits auf 75,5 Millionen gesprungen. 9 Auch in Zukunft wird die Beteiligung an Social TV steigen. Um Social TV erfolgreich zu nutzen, sollten Sender und Formate sich nicht auf einen einzigen Kanal beschränken, sondern auf mehreren Plattformen aktiv sein, um möglichst viele Zuschauer zu erreichen.

Geeignete Formate und ihre Möglichkeiten

In den USA erstellten 350.000 Unique User innerhalb von drei Sendungen der Castingshow „X-Factor“ 1,1 Millionen Kommentare zum Geschehen auf dem Bildschirm. 10 Dies zeigt beispielhaft, dass insbesondere stark emotionalisierende Sendungen ein großes Potential für Social-TV-Aktivitäten bieten. 11 Programme für die jungen, internetaffinen Zielgruppen profitieren ebenfalls vom Trend. 12 In Deutschland sticht hier das Format „Berlin – Tag & Nacht“ mit über 2,6 Millionen „Gefällt mir“-Angaben auf Facebook hervor. Täglich posten die Charaktere Status-Updates, Fotos und Videos zu ihren aktuellen Stimmungen, Freuden und Wehwehchen. Die Zuschauer kommentieren fleißig und rund 20.000 Likes für eine Statusmeldung sind keine Seltenheit. 13 Folglich wird ein Mehrwert geschaffen und der Zuschauer ist auch außerhalb der Sendezeit an die Soap gebunden. Weitere geeignete Formate sind große TV-Events, wie der Eurovision Song Contest oder Sportveranstaltungen. Aber auch regelmäßige Sendungen, egal ob Talkshows, Tatort oder Topmodel, können zur aktiven Teilnahme der Zuschauer reizen. 14 Bei Live-Sendungen besteht zudem die Möglichkeit, das Feedback der Zuschauer direkt in die laufende Sendung einfließen zu lassen oder auf Kritik zu reagieren. 15 Darüber hinaus bieten sich zahlreiche Wege, den Zuschauer an das Programm zu fesseln, z.B. durch Abstimmungen, spielerisches Mitraten zum Handlungsverlauf oder Chats mit Freunden, anderen Nutzern oder auch Darstellern und Regisseuren. 16 Auch im Bereich des E-Commerce ergeben sich neue Chancen. Kleidungsmarken, die im Programm auftauchen, könnten gleichzeitig über den Second Screen angeboten werden. 17

Die Chance für Start-ups

Um dies zu ermöglichen, sind neben frischen Ideen auch neue Plattformen und Apps erforderlich. Bereits einige Start-ups sind im Rahmen der Entwicklungen von Second Screen und Social TV entstanden. In Deutschland zählen zu diesem Bereich u.a. Zapitano, Couchfunk, TunedIn oder Tweek TV. 18 Die Applikation Wywy hält ein Prämienpunkteprogramm bereit – so erhält der Zuschauer beim Einchecken in eine Sendung Punkte, die später gegen Gutscheine getauscht werden können. 19 Ab Sommer 2013 wird joiz, ein eigener Social-TV-Sender, mit Live-Sendungen zu verschiedensten Themenbereichen von Promi-News über Digital Lifestyle zu Politik in Deutschland an den Start gehen. Die Zielgruppe der 15- bis 34-jährigen wird – natürlich – direkt in das Programm einbezogen. 20

Und in der Zukunft?

Einhergehend mit Einbinden des Feedbacks und größerer Nähe des Zuschauers zum Programm ergibt sich das Potential für einen steigenden Bekanntheitsgrad und wachsende Marktanteile. Sendern und Formaten bietet sich jetzt die Chance, die Veränderungen zu nutzen und neue Ideen zur Programmgestaltung zu entwickeln. Natürlich sollte die Zielgruppe im Auge behalten werden – Formate, die sich an Zuschauer mit niedrigerer Internetaffinität wenden, sollten die hemmende Wirkung von einem Übermaß an Technologieangeboten auf diese Zielgruppe berücksichtigen. 21

Noch ist der Markt des Second Screens überschaubar und Social TV steht noch am Anfang. Doch das Mediennutzungsverhalten im TV-Bereich ändert sich stetig, unterstützt durch die zunehmende Verbreitung mobiler Endgeräte. Das Fernsehen ist nicht länger ein rein einseitiges Medium. Denn seine Inhalte – und seien es auch ab und an nur Frisuren der Topmodel-Kandidatinnen – werden nicht mehr ausschließlich auf dem gemeinsamen Sofa, sondern auch auf anderen Plattformen diskutiert.

von S. Klug

  1. Beitragsbild: © Břetislav Válek, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Reliance_Vizualizace_Tablet_Smartphone.png?uselang=de, Zugriff: 13.3.2013.  
  2. Vgl. ARD.de (2012): Zusammen schaut man weniger allein, http://www.ard.de/-/id=2721140/1p75j08/index.html, Zugriff: 13.3.2013.  
  3. Vgl. Schickler Unternehmensberatung (2012): Social TV: the next big thing im TV-Markt?, http://www.schickler.de/expertise/presse/SCHICKLER-Kompakt-Social-TV.pdf, S. 2, Zugriff: 13.3.2013.  
  4. Vgl. SevenOne Media (2012): Navigator Mediennutzung 2012, https://www.sevenonemedia.de/c/document_library/get_file?uuid=2a6db46d-ed67-4961-a31f-722360028543&groupId=10143, S. 7 – 16, Zugriff: 13.3.2013.  
  5. Vgl. Fittkau & Maaß Consulting (2013): Mehrheit benutzt Second Screen beim Fernsehen, http://www.w3b.org/nutzungsverhalten/second-screen-beim-fernsehen-von-mehrheit-eingesetzt.html, Zugriff: 13.3.2013.  
  6. Vgl. taz.de (2013): Mit dem Zweiten sieht man mehr, http://www.taz.de/!111589, Zugriff: 13.3.2013.  
  7. Vgl. heise online (2012): Social TV: Gemeinsam fernsehen im Netz, http://www.heise.de/newsticker/meldung/Social-TV-Gemeinsam-fernsehen-im-Netz-1722701.html, Zugriff: 13.3.2013.  
  8. Vgl. Computerwoche (2013): Twitter schnappt sich Bluefin Labs, http://www.computerwoche.de/a/twitter-schnappt-sich-bluefin-labs,2532287, Zugriff: 13.3.2013.  
  9. Vgl. Spiegel Online (2013): Start-up Wywy: Der Kampf um den zweiten Bildschirm, http://www.spiegel.de/netzwelt/web/wall-street-journal-deutschland-second-screen-app-wywy-a-878408.html, Zugriff: 13.3.2013.  
  10. Vgl. Schickler Unternehmensberatung (2012): Social TV: the next big thing im TV-Markt?, http://www.schickler.de/expertise/presse/SCHICKLER-Kompakt-Social-TV.pdf, S. 4–5, Zugriff: 13.3.2013.  
  11. Vgl. heise online (2012): Social TV: Gemeinsam fernsehen im Netz, http://www.heise.de/newsticker/meldung/Social-TV-Gemeinsam-fernsehen-im-Netz-1722701.html, Zugriff: 13.3.2013.  
  12. Vgl. Schickler Unternehmensberatung (2012): Social TV: the next big thing im TV-Markt?, http://www.schickler.de/expertise/presse/SCHICKLER-Kompakt-Social-TV.pdf, S. 4, Zugriff: 13.3.2013.  
  13. https://www.facebook.com/BerlinTN, Zugriff: 14.3.2013.  
  14. Vgl. heise online (2012): Social TV: Gemeinsam fernsehen im Netz, http://www.heise.de/newsticker/meldung/Social-TV-Gemeinsam-fernsehen-im-Netz-1722701.html, Zugriff: 13.3.2013.  
  15. Vgl. Spiegel Online (2013): Start-up Wywy: Der Kampf um den zweiten Bildschirm, http://www.spiegel.de/netzwelt/web/wall-street-journal-deutschland-second-screen-app-wywy-a-878408.html, Zugriff: 13.3.2013.  
  16. Vgl. ARD.de (2012): Zusammen schaut man weniger allein, http://www.ard.de/-/id=2721140/1p75j08/index.html, Zugriff: 13.3.2013.  
  17. Vgl. Spiegel Online (2013): Start-up Wywy: Der Kampf um den zweiten Bildschirm, http://www.spiegel.de/netzwelt/web/wall-street-journal-deutschland-second-screen-app-wywy-a-878408.html, Zugriff: 13.3.2013.  
  18. Vgl. Schickler Unternehmensberatung (2012): Social TV: the next big thing im TV-Markt?, http://www.schickler.de/expertise/presse/SCHICKLER-Kompakt-Social-TV.pdf, S. 4–5, Zugriff: 13.3.2013.  
  19. Vgl. Spiegel Online (2013): Start-up Wywy: Der Kampf um den zweiten Bildschirm, http://www.spiegel.de/netzwelt/web/wall-street-journal-deutschland-second-screen-app-wywy-a-878408.html, Zugriff: 13.3.2013.  
  20. Vgl. Medienmagazin DWDL.de (2013): Social-TV-Sender joiz kommt nach Deutschland, http://www.dwdl.de/nachrichten/39343/socialtvsender_joiz_kommt_nach_deutschland/, Zugriff: 13.3.2013.  
  21. Vgl. Schickler Unternehmensberatung (2012): Social TV: the next big thing im TV-Markt?, http://www.schickler.de/expertise/presse/SCHICKLER-Kompakt-Social-TV.pdf, S. 5, Zugriff: 13.3.2013.